Aus evolutionärer Sicht betrachtet, sichert Stress unser Überleben. Hätten unsere Vorfahren in der Steinzeit nicht die Wahl gehabt zwischen Angriff, Flucht oder Verteidigung, würden wir heute nicht existieren. Genau diese Wahl zu treffen, ist das Resultat eines unbewusst ablaufenden Prozesses in unserem Körper, den wir als „Stressmetabolismus/-stoffwechsel“ bezeichnen.

Alles beginnt im Gehirn. Das Gehirn steuert Funktionen und Reaktionen unserer Organe – unseres ganzen Körpersystems. Jede Erfahrung, jedes Gefühl, jedes Ereignis unseres Lebens wird im Gehirn abgespeichert und bleibt uns somit ein Leben lang erhalten – wenn meistens auch nicht bewusst. Wiederholt sich irgendwann in unserem Leben eine Situation, können wir auf die bereits damit gemachte Erfahrung zurückgreifen, was uns das Überleben sichert. Dazu kommt noch, dass alles, was wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen, eine Emotion und somit auch eine Reaktion auslöst – entweder bedeutet das für uns Anspannung oder Entspannung. So läuft es nach dem Plan der Biologie.

Aber auch unser Denken und unsere Emotionen können uns in Stress versetzen. Positive wie auch negative Gedanken lösen in unserem Körper eine Reaktion aus – im schlechten Fall kommt es zu schädigendem Stress. Körperlich betrachtet bedeutet diese Stressreaktion, dass sich unser Körper auf Angriff, Flucht oder Verteidigung vorbereitet – woher soll der Körper wissen, dass es „nur“ um Ärger geht und nicht um den Angriff eines Mammuts? Biologisch gesehen funktionieren wir also noch wie unsere Vorfahren zu Urzeiten. Das Mammut von damals sind heute Sorgen, Ängste, Zeitdruck u.v.m.

Was passiert aber jetzt genau in unserem Körper bei einer Stressreaktion?

Anfangs schüttet die Nebenniere Adrenalin und Noradrenalin (Stresshormone) aus. Diese sorgen für eine Erhöhung der Herzfrequenz, feuchte Hände, Aufmerksamkeit, usw. Alle anderen Körperfunktionen (z.B. Verdauung) werden erstmal hintenangestellt – schließlich geht es ums Überleben. Nach Adrenalin und Noradrenalin wird Cortisol ausgeschüttet, was dafür sorgt, dass unser Körper bereit ist für Kampf oder Flucht. Cortisol unterdrückt dabei u.a. das „Glückshormon“ Serotonin und das daraus resultierende Melatonin – das Schlafhormon. Diese Reaktion auf Cortisol erklärt, warum es bei chronischem Stress zu Schlafstörungen kommt – Melatonin-Mangel.

Die Stressreaktion ist im Einzelfall – also bei akuter Bedrohung des Lebens – nichts Schlechtes, sondern sichert uns, wie bereits oben angeführt, unser Überleben. Läuft der Stressmetabolismus allerdings ständig und ohne Unterbrechung (Erholung) ab, sprechen wir von chronischem Stress, welcher für unser Überleben „bedrohliche“ Konsequenzen nach sich zieht.

Durch die ständige Ausschüttung von Stresshormonen wird unter anderem unser Immunsystem zunehmend geschwächt, was die Allergieanfälligkeit stark ansteigen lässt. Das Immunsystem ist nämlich für ein Flucht-oder Angriffsverhalten nicht bedeutsam und wird somit vernachlässigt. Es geht um kurzfristiges Überleben und nicht um Gesundheit.

Unter Stress benötigt unsere Muskulatur – um vor Gefahr flüchten zu können – Zucker und Fett zur Energieversorgung. Das Problem heute dabei ist, dass wir aber nicht weglaufen müssen, sondern auf unserem Bürosessel sitzen und wir dabei keinen Zucker und kein Fett verbrauchen. Dafür steigen der Blutzucker und der Fettspiegel in unserem Körper an, was das Risiko für Diabetes Typ II, Arteriosklerose, Schlaganfall, Herz-Kreislauf-Erkrankungen usw. stark erhöht.

Durch die scheinbare Bedrohung sinkt unsere Denkleistung im Gehirn ab. Bewusstes Denken ist bei lebensgefährlicher Bedrohung für unser Überleben eher hinderlich – das würde viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Da unser Körper aber in seiner Stressreaktion nicht weiß, dass kein Mammut hinter uns her ist, sondern die stressige Bekannte, bleibt das Resultat bei anhaltendem Stress das Gleiche: auch unsere mentale Leistungsfähigkeit sinkt.

Sind wir gestresst, leidet auch unser Essverhalten darunter. Finden wir am Tag keine Zeit für eine wohltuende und gesunde Mahlzeit, werden wir mit Heißhungerattacken am Abend belohnt. Wir essen, was wir kriegen können und davon eine ordentliche Menge. Schließlich brauchen wir ja Energie, um für den Stress am nächsten Tag wieder gerüstet zu sein. Das Ergebnis: Verdauungsstörungen, schlechter Schlaf, keine Erholung.

Denken hat Konsequenzen. Vor allem negatives Denken sorgt dafür, dass unser Körper zunehmend erkrankt. Chronischer Stress ist anfangs kein Problem, aber mit der Zeit zeigt unser Körper immer mehr Symptome auf, die sich daraus ergeben. Was in Urzeiten mit Angriff, Flucht oder Verteidigung geendet hat, sind in unserer heutigen Zeit Krebs, Depression und Allergien.

 

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